Labbadia zeigt es den Kritikern
Bruno Labbadia und Fredi Bobic machen in Stuttgart vieles richtig. Vor 17 Monaten war der VfB noch abstiegsgefährdet. Jetzt winkt Stuttgart ein Platz in der Europa League.
Bruno Labbadia gehört nicht zu den Menschen, die sich gern mal zurücklehnen, „auch nicht im Erfolg. Ich bin es gewohnt, gerade dann was draufzulegen.“ Der Trainer des VfB Stuttgart beweist es nahezu täglich. Die ersten Interviews gibt er dieser Tage schon um halb acht Uhr morgens und präsentiert sich hellwach. Er sagt dann Sätze wie diesen: „Jede Schweißperle, die wir investiert haben, hat sich gelohnt.“Labbadia hat eine Menge Schweißperlen investiert, seit er die Schwaben vor 17 Monaten 2010 prekär abstiegsgefährdet übernommen hat.
Stuttgart zeigt aufregendes Offensivspiel
Es ist ihm nun sogar gelungen, die Mannschaft zu aufregendem Offensivspiel zu animieren, das mit einem Platz belohnt wird, der für die Europa League berechtigt. „Wir haben es geschafft, eine Art des Fußballs reinzubringen, die die Leute sehen wollen“, freut sich der 46-Jährige.Labbadia, in Leverkusen und Hamburg nach gutem Start gescheitert, hat bewiesen, dass er auch in der Rückrunde Erfolg haben kann. Und wie: 5:0 gegen Hertha, 4:1 gegen Freiburg, 4:0 in Hamburg, 4:4 in Dortmund, 4:1 gegen Mainz, 4:1 gegen Bremen.
VfB rennt die Gegner müde
Noch Mitte Februar, der VfB stand nach einem 2:4 in Hannover und einem wehrlosen Aus im Pokal gegen die Bayern mit sieben Siegen und zehn Niederlagen im Niemandsland, hatte Sportdirektor Fredi Bobic stark sein müssen, weil die Zweifel am Trainer ungeniert in Fragen gekleidet wurden.
Seitdem rennt der VfB die Gegner gnadenlos müde. Labbadia hat mit seiner immer noch akribischen, aber längst nicht mehr nervtötend pedantischen Arbeitsweise die Voraussetzungen geschaffen; gemeinsam mit dem auf dem Transfermarkt ebenso treffsicher wie einst im Strafraum agierenden Bobic, über den er sagt: „Wir sind nicht in einer Freundschaft zusammengekommen, wir waren Konkurrenten, Torjäger sind immer Konkurrenten, die sich kaum etwas gönnen, und wir denken über Fußball gleich.“
Bobic, Bruder im Geiste, habe „im ersten halben Jahr alles von mir ferngehalten. Er hat mir super den Rücken freigehalten, und wir haben mit der Mannschaft den Super-GAU vermieden.“
Coach für das ganze Team
Die Zeit ohne Belastungen auf Europas Spielfeldern hat Labbadia genutzt und viel Wert auf die Trainingsarbeit gelegt. „Die Spieler müssen spätestens um neun da sein, wenn wir um zehn trainieren, auch, um an ihren individuellen Schwächen zu arbeiten“, erzählt der Ex- Nationalspieler. Labbadia setzt auf individuelles Training, „das haben wir mit unserem Konditionstrainer Christos Papadopoulos voll durchgezogen“, er setzt auch auf Life Kinetik, als „Baustein, damit die Spieler stressresistenter werden und schneller reagieren können.“
Labbadia selbst hat darauf geachtet, sich „nicht von den äußeren Einflüssen leiten zu lassen“, was gar nicht so einfach sei, denn: „Was glauben Sie, wie viel Einflüsterer auf der Tribüne sitzen? Gerade im Abstiegskampf habe ich sehr genau darauf geachtet, mich nicht beeinflussen zu lassen von der täglichen öffentlichen Meinung, sondern meine Linie weiter zu verfolgen.“
Zu seiner Linie gehörte es auch, direkt auf die Betreuer zuzugehen: „Meine erste Amtshandlung in Stuttgart war nicht die Mannschaft, sondern das Team um das Team. Das habe ich zuerst eingeschworen: Ihr müsst vorne weggehen.“
Taktisches Opfer Cacau
Es sei „spannend an dem Job“, referiert Labbadia, „dass du wahnsinnig viel beobachten musst. Die wenigsten wissen: Ich coache ja nicht nur 25 Spieler, ich coache ja auch die ganzen Leute um das Team. Wie wichtig dieses Team um das Team ist, wird oft unterschätzt.“Dem System mit den drei Spitzen Julian Schieber, Winterzukauf Vedad Ibisevic (acht Tore, sieben Vorlagen in 14 Spielen) und Martin Harnik (17 Treffer) fiel der Nationalspieler Cacau zwar zum Opfer. Der Trainer schaffte es aber, dem frustrierten Stürmer zu erklären, dass er ihn als Joker dringend benötige, mit ihm in der Startelf und somit vier Spitzen aber „der ein oder andere Zuträger fehlen“ würde.
Labbadia will auch mal ausschlafen
Dank der guten Arbeit von Labbadia und Bobic konnte sich auch der im Sommer mühevoll gewählte Präsident Gerd Mäuser überregional weitgehend unbeachtet daneben benehmen und die VfB-Reporter pauschal als „Schmierfinken“, die „irgendeinen Scheiß schreiben“ beschimpfen.Der Erfolg verdeckte die verbalen Fehltritte, nun erwartet Labbadia aber Unterstützung von Sparkommissar Mäuser: „Wir haben in den vergangenen Jahren den Etat extrem heruntergefahren. In einer Zeit, als andere Vereine sehr viel investiert haben. Jetzt sind wir an einer Grenze, an der wir aufpassen müssen. Es hätte nicht viel schiefgehen dürfen. Wir haben fast am Optimum gearbeitet.“
Nach Saisonschluss will der vom Erfolg getriebene Labbadia mit seiner in Hamburg wohnenden Familie urlauben und sogar mal ausschlafen: „Ich habe gelernt, dass ich mir Auszeiten nehmen muss und Dinge auch mal kurz liegen lassen kann.“
Quelle: Berliner Zeitung